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Auszug aus einer Einführung von Dr. Thorsten Rodiek, Kunsthalle St.Annen, Lübeck
... "„Menhir I, II und III“, 2006 nennt der Künstler die drei  unterschiedlich großen, aufrechten Steinskulpturen, die er aus schwarzem afrikanischen Serpentin als kleine Serie schuf. Menhire sind in ihrem Ursprung aufrecht stehende, zumeist unbehauene Steine aus menschlicher Vorzeit und hatten wohl dereinst religiöse Funktionen.  Welche Aufgabe nehmen diese Steine bei Maertens wahr? Sie wirken eher wie Felsen, die durch die zahlreichen unterschiedlich großen Facettenflächen, sehr lebendig, ja man kann sagen belebt aussehen. Es sind die Schwärze und die Glätte dieses Materials, die dem  wechselnden Tageslicht vielfache Spiegelungen erlauben, in deren  Bereich sich das harte und kompakte Material nahezu aufzulösen beginnt, den eigenen Charakter verbirgt und so geradezu immaterielle Qualitäten erreicht. Durch die Bearbeitung wird der Betrachter angeregt, die Arbeiten zu umschreiten, um immer wieder nahezu  endlos viele Eindrücke zu erhalten, je nach Stellung des Betrachters und der jeweiligen Tageszeit. Dieses macht die Arbeiten, deren Ursprung ja anfänglich selbst einmal eine lebende, bewegte Materie  war, zu vitalen, abwechslungsreichen Kunstwerken.                                                                                                                                                                                                                                                                          In Form, Material und Ausführung ganz anders zeigt die Arbeit  „skywalker“, 2005 eine nach vorn gebeugte menschliche Umrißzeichnung, die auf blauem Hintergrund an Himmelsfäden und  Erdfäden gehalten wird. Technisch handelt es sich bei diesem Druck um eine in mehreren Schritten und Schichten aufwendig ausgearbeitete  Farbradierung ( Foto-Radierung, Aquatinta, Kaltnadel und Strichätzung ) in deren komplexen Enstehungsprozeß sich bereits die inhaltlichen Dimensionen  andeuten.  Die Farbe  Blau – und es ist ein sehr tiefes und intensives  Blau – steht seit alters her und seit dem Mittelalter insbesondere für die Farbe der Tiefe, die Farbe Marias, aber auch der des Geistigen  und  Unbegreiflichen. Man denke an die „Blaue Blume“ der Romantiker, die als Metapher auf Novalis zurückgeht. Es ging dabei um die ewige  Suche nach dieser blauen Blume, als Inbegriff des Unbegreiflichen, niemals Auffindbaren. Bei dieser Arbeit verbinden sich menschliche  Gestalt und Existenz mit dem geistigen Bereich zwischen Himmel und  Erde, zwischen Physis und Psyche.                                                                                                                                                                                                             Die seit Jahren weltweit diskutierten Kornkreisphänomene sind ein Anstoß für die andere, in vier Ätzstufen ausgführte mehrteilige  Farbradierung („four winds“, 2006). Sie besteht aus vier jeweils in  Metall gerahmten Teilen, wobei die Rahmung zugleich auch einen wichtigen Bestandteil der Gesamtkomposition bildet. Die innere  Rahmenstruktur bildet ein gleichmäßiges Kreuz, während die graphischen Bildteile ums Zentrum gruppiert an kosmische Figurationen  oder kandinskysche Formwelten denken lassen. Alles scheint in großer Bewegung zu sein. Es verbinden sich chaotische Elemente, wie zufällige  Kratz- und Kerzenspuren mit einer durch Kreuz und Kreise  verdeutlichten kosmischen Ordnung. Chaos und Ordnung, Ruhe und Bewegung verbunden mit einer universalen inhaltlichen Dimension,  bilden in dieser Arbeit den überzeugenden Bildgedanken.                                                                                                                                                                                                                  Auch wenn man auf den ersten Blick beim Betrachten der  Videoarbeit  meinen könnte, ein Künstler könne gegensätzlicher nicht  sein, so zeigt  einem der zweite, daß die Vorstellungen und  Grundgedanken der technisch doch sehr verschiedenen Werke  tatsächlich doch einen  großen gemeinsamen Nenner besitzen.                                                                                                                                                                                                                                                                                                  Das Video„South by Southeast, 2004/05 zeigt Menschen, die etwas über eine andere, im Film jedoch nicht auftauchenden älteren Mann erzählen. Die Schilderungen sind interessant, aber zum Teil scheinbar auch absolut widersprüchlich. Vermutete eine Person, daß derjenige von dem immerzu die Rede ist, homosexuell sei, erklärt eine andere, daß er mehrere Kinder hätte oder eine weitere spricht über dessen neue Freundin. Wie lassen sich diese Widersprüche verstehen? Der Künstler stellt mit dem Titel der Arbeit einen Bezug zu Alfred Hitchcock und seinen Film „North by Northwest“ her. Über ein einfache Hommage hinaus folgt der Künstler allerdings jedoch  programmatisch dem deutschen Verleihtitel des Films: „Der Unbekannte  Dritte“. Jetzt wird deutlich, hier wird über einen Menschen von zahlreichen anderen gesprochen, ohne das es uns gelingt, uns ein festes, „wirkliches“ Bild von Ihm zu machen, da jeder seine persönliche Sichtweise und Erfahrungen mit diesem Menschen schildert. Dergestalt bleibt die Frage offen im Raum, wer dieser Mensch, oder  besser ein Mensch überhaupt sei.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        Die hier aufscheinende Frage, wer oder was ein Mensch eigentlich ist,  - wir können das mitunter von uns selbst ja auch gar nicht immer mit Sicherheit sagen – bleibt  unbeantwortet als Frage stehen und wird wohlmöglich auch immer unbeantwortet bleiben. Letztlich sind es diese Fragen, ist es diese herausgearbeitete Unschärfe, die die hier ausgestellten Werke miteinander verbindet, indem das Konkrete sich auflöst, in Bewegung oder Schwingung versetzt wird und manches unseres Seins bzw. unserer Existenz im Ungewissen verharrt.“                                                                                                                                                       Dr.Thorsten Rodiek, Kunsthalle St.Annen, Lübeck